Stress

stressEin Freund erzählte mir, dass viele Menschen zu ihm kommen und sich beschweren, dass sie keine Zeit mehr für sich fänden. Frauen, die sich zwischen Beruf und Kindern aufreiben, haben bei jeder Minute, die sie für sich selbst beanspruchen, ein schlechtes Gewissen. Bei der Arbeit glauben sie, eigentlich bei ihren Kindern sein zu müssen, wenn sie bei ihren Kindern sind, glauben sie, arbeiten zu müssen. Auf diese Weise fühlen sie sich immer zerrissen und stehen unter Dauerstress. Er erzählte mir das Gleichnis vom Wasserkrug: Ein Wasserkrug, der leer ist, kann kein Wasser mehr spenden. Man muss den Krug seines Lebens immer wieder ein wenig auffüllen, um anderen etwas abgeben zu können. Je mehr man in den Krug füllt, desto mehr kann man abgeben. Irgendwann ist der Lebenskrug so angefüllt, dass er von selbst überläuft. Das Geben ist dann vollkommen mühelos, und der Krug ist niemals mehr leer. Vielen Menschen, die zum ersten Mal zum Yoga gehen, fällt es nicht leicht, einfach so auf Ruhe umzuschalten. Sie kommen von der Arbeit, wo sie kämpfen mussten, haben vielleicht noch hektisch die Kinder abgeholt und nur unter Hupen einen Parkplatz ergattert und dann sollen sie plötzlich ruhig atmen und zum Einklang von Körper und Geist finden.
Ehrgeizige Menschen neigen dazu, sich immer wieder über ihre Grenzen hinaus zu treiben, ohne sich genügend Ruhe zu finden. Natürlich muss Stress negativ sein. Wenn der Auslöser als angenehm empfunden wird, kann er sogar beflügeln und Körper und Geist aktivieren. Aber wenn wir von Stress reden, meinen wir meistens den unangenehmen Druck, den wir spüren, weil wir zu schnell zu viel tun müssen oder weil wir das, was wir tun müssen, nicht tun wollen.

Die Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass ein großer Prozentsatz aller Krankheiten, die Menschen in den westlichen Industrienationen plagen, auf Stress zurückzuführen ist. Viele Situationen können Angst- und Stressreaktionen auslösen. Körperliche Stresssituationen sind etwa Verletzungen, Operationen, Kälte, Schmerzen, niedriger Blutzucker usw. Psychische Stresssituationen sind Ärger, Angst, Trauer, Leistungsdruck. Der Körper unterscheidet leicht zwischen positivem oder negativem Stress, sondern reagiert immer gleich darauf. Ich habe meinen Arzt gefragt, was genau dabei passiert. Hier ist die Erklärung: Zuerst reagieren der Hypothalamus und die Hypophlse im Gehirn indem sie Hormone ausschütten. Diese stimulieren wiederum die Nebennierenrinde dazu, Kortison und Kortison freizugeben. Beide Hormone wirken auf den Fett-, Kohlenhydrat- und Eiweißstoffwechsel. Dann wird über den Syillpathikus das Nebennierenmark aktiviert. Es schüttet innerhalb von Sekunden eine Mischung voll 80 Prozent Adrenalin und 20 Prozent Noradrenalin aus. Der Blutdruck ist hoch, der Puls schnell, die Muskeln sind verkrampft, der Magen bildet mehr Säure, die Fortpflanzungsorgane arbeiten vermindert, und die Verdauungsorgane sind schlecht durchblutet. Wie sind bereit, gegen einen Feind zu kämpfen oder fortzulaufen.

Unser ganz normaler Wahnsinn

Das allgemeine Verständnis vom Streiten ist grundsätzlich negativ. Das Gleiche gilt für die Bewertung von Ärger, Wut und Aggression aller Art. Und wir alle kennen di e Sprüche wie „Einen Streit sollte man möglichst vermeiden“. Oder „Gar nicht erst anfangen“, „nicht vom Zahm brechen“, „nicht provozieren, nicht hineingeraten“ oder „aus der Welt schaben“.

dunkle-wolkenDagegen finden Verhaltensweisen und Haltungen allgemeine Anerkennung, die sich in Redensarten ausdrücken wie “Ich gehe am liebsten jedem Streit aus dem Weg“, „Wir streiten uns nie“, „Ich lege mich nicht an“, „Ich lass mir nichts gefallen“ oder „Nicht ärgern, nur wundern“. Konflikte werden, wenn sie auftauchen, so schnell wie möglich runtergespielt, abgeschwächt, wegdiskutiert oder gar nicht erst wahrgenommen.

Die beim Streiten vorhandenen Gefühle wie Angst oder Verletzungen werden permanent verleugnet, verniedlicht, abgestritten oder insgeheim als Weg benutzt. Die emotionalen Gefühlsmuster beruhen auf Groh, Trotz, Jammern, Wehleidigkeit, „Scheißfreundlichkeit“ und stillem Vorwurf.

Im Streitgespräch reden mehrere Streitgegner zur gleichen Zeit, mit allen destruktiven Folgen, die sich daraus ergeben, zum Beispiel sich unverstanden, nicht ernst genommen und nicht beachtet fühlen.

Das Streitverhalten zeigt sich überwiegend durch Missachten, Ausweichen, Lügen, Anschreien, verbale und handgreifliche Gewalt, Inszenierungen, Manipulieren, vorwurfvoller Rückzug sowie Weggehen und die Tür hinter sich zuschlagen. Streitigkeiten nach unseren jetzigen gesellschaftlichen Riten enden für die Beteiligten meistens unbefriedigend und führen zur Verschlechterung der Beziehung. Die Atmosphäre ist gekennzeichnet von bedrückender Distanz, die häufig mit allerlei Erklärungen „schön geredet“ wird.

Es gehört zu unserem gesellschaftlichen Verständnis vom Streiten, dass wir gerade diese biologisch und sozial notwendigen Gefühle unterdrücken müssen, die uns eigentlich helfen könnten, den Streit zu schlichten und zum Frieden miteinander zu finden. Das ist der grundsätzliche Wahnsinn unserer Normalität bei Auseinandersetzungen.