Unser ganz normaler Wahnsinn

Das allgemeine Verständnis vom Streiten ist grundsätzlich negativ. Das Gleiche gilt für die Bewertung von Ärger, Wut und Aggression aller Art. Und wir alle kennen di e Sprüche wie „Einen Streit sollte man möglichst vermeiden“. Oder „Gar nicht erst anfangen“, „nicht vom Zahm brechen“, „nicht provozieren, nicht hineingeraten“ oder „aus der Welt schaben“.

dunkle-wolkenDagegen finden Verhaltensweisen und Haltungen allgemeine Anerkennung, die sich in Redensarten ausdrücken wie “Ich gehe am liebsten jedem Streit aus dem Weg“, „Wir streiten uns nie“, „Ich lege mich nicht an“, „Ich lass mir nichts gefallen“ oder „Nicht ärgern, nur wundern“. Konflikte werden, wenn sie auftauchen, so schnell wie möglich runtergespielt, abgeschwächt, wegdiskutiert oder gar nicht erst wahrgenommen.

Die beim Streiten vorhandenen Gefühle wie Angst oder Verletzungen werden permanent verleugnet, verniedlicht, abgestritten oder insgeheim als Weg benutzt. Die emotionalen Gefühlsmuster beruhen auf Groh, Trotz, Jammern, Wehleidigkeit, „Scheißfreundlichkeit“ und stillem Vorwurf.

Im Streitgespräch reden mehrere Streitgegner zur gleichen Zeit, mit allen destruktiven Folgen, die sich daraus ergeben, zum Beispiel sich unverstanden, nicht ernst genommen und nicht beachtet fühlen.

Das Streitverhalten zeigt sich überwiegend durch Missachten, Ausweichen, Lügen, Anschreien, verbale und handgreifliche Gewalt, Inszenierungen, Manipulieren, vorwurfvoller Rückzug sowie Weggehen und die Tür hinter sich zuschlagen. Streitigkeiten nach unseren jetzigen gesellschaftlichen Riten enden für die Beteiligten meistens unbefriedigend und führen zur Verschlechterung der Beziehung. Die Atmosphäre ist gekennzeichnet von bedrückender Distanz, die häufig mit allerlei Erklärungen „schön geredet“ wird.

Es gehört zu unserem gesellschaftlichen Verständnis vom Streiten, dass wir gerade diese biologisch und sozial notwendigen Gefühle unterdrücken müssen, die uns eigentlich helfen könnten, den Streit zu schlichten und zum Frieden miteinander zu finden. Das ist der grundsätzliche Wahnsinn unserer Normalität bei Auseinandersetzungen.